Kolumne

Nervige Kinderlieder: Warum ich jetzt sogar Helene Fischer aushalte

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Eltern müssen viele nervige Kinderlieder ertragen. Nicht selten setzen die sich als hartnäckige Ohrwürmer fest. Doch in Wahrheit sind „Aramsamsam“ und seine Komplizen wunderbar: Sie verbinden uns und unsere Kinder im Alltag.

Manchmal denke ich an die Zeit zurück, in der ich mit meinem Partner darüber stritt, ob wir beim Sonntagsfrühstück lieber David Bowie (ich) oder Madeleine Peyroux (er) hören wollen. Heute würde ich einiges für „Space Oddity“ als Croissant-Begleitung geben. Stattdessen schallen durch unsere Wohnung Radio Teddy, „1, 2, 3 im Sauseschritt gehen alle Kinder mit“, „Käpt’n Sharky« und „Wer will fleißige Handwerker seh’n, der muss zu uns Kindern geh’n“, und zwar in Dauerschleife. Seit ich Mutter eines Sohnes bin, habe ich die Entscheidungsgewalt darüber verloren, welche Musik zu Hause gehört wird. Die Folge: Der Musikstreamingdienst schlägt mittlerweile ausschließlich Kinderlieder vor und in der Vorweihnachtszeit tönte Helene Fischers Version von „In der Weihnachtsbäckerei“ durchs Haus.

Meinem Sohn bescherte das fröhliche Adventsmomente – und mir bis ins neue Jahr hinein Fischers Stimme im Kopf: „Zwischen Mehl und Milch macht so mancher Knilch eine riesengroße Kleckerei…“ Kinderlieder sind so einprägsam, dass man Stunden, oft Tage oder Monate später noch etwas von ihnen hat. Sicher steckt ab und zu auch ein pädagogischer oder logopädischer Zweck dahinter, der tiefere Sinn von „Aramsamsam« (wer den kompletten Text nicht kennt, bitte schön: „A ram sam sam a ram sam sam / Guli guli guli guli guli ram sam sam / A rabi a rabi /
Guli guli guli guli guli ram sam sam“) hat sich mir bislang aber nicht erschlossen. Trotzdem begleitet mich der Ohrwurm seit geraumer Zeit.

Studien zufolge sind Songs, die als Ohrwurm taugen, oft ähnlich aufgebaut: Der Melodiebogen verläuft erst auf- und dann abwärts. Eine Struktur, die Kinderlieder häufig haben. Klassische Beispiele: „Alle meine Entchen schwimmen auf dem See« oder „La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu“. Um einen Ohrwurm wieder loszuwerden, raten Forscher zum Kaugummi kauen; die Bewegung hemme das akustische Gedächtnis.

Die Musik, die mein Sohn gerne hört, öffnet für mich eine Tür in seine Welt
Bevor mein Sohn auf der Welt war, hätte ich vermutlich zwei Kaugummipackungen am Tag gekaut, um sämtliche Helene Fischers und Rolf Zuckowskis aus meinem akustischen Gedächtnis zu löschen. Für immer. Heute ist das anders. Die Musik, die mein Sohn gerne hört, öffnet für mich eine Tür in seine Welt – erst recht, wenn wir beide nicht beieinander sind. Die Ohrwürmer werden dann zu kleinen Alltagsschlupflöchern, durch die ich meinem Kind nahe sein kann. Das musste ich in meiner anfänglichen Sehnsucht nach Bowie, Cave & Co. aber erstmal verstehen.

Als mein Sohn ein paar Monate alt war, trällerte ich im Supermarkt leise „Wir sind beim Babyschwimmen und haben ganz viel Spaß, wir machen viele Spiele und spritzen alle nass…“ vor mich hin – und bemerkte es erst, als die Kassiererin mit „Fideralala, fideralala, fideralalalala…“ einstimmte. Wir mussten beide lachen. Dabei war das Gruppen-Schunkeln und Singen im warmen Pool insgesamt eine Erfahrung, die ich mir lieber erspart hätte. Mein Sohn fand es aber toll, deshalb zogen wir es durch.

Neulich saß ich am Schreibtisch, klickte mich durch die Mails und registrierte, dass ich seit einer Weile vor mich hin summte. Ein Kinderlied, das wir am Abend zuvor gehört hatten. Sofort dachte ich an meinen Sohn, der zu der Zeit in der Vorschule war. Stellte mir vor, wie er gerade mit den anderen Kindern im Kreis saß und beim Singen den Takt klatschte. Wie er vor Freude gackerte und lachte, weil sich reihum jedes Kind eine weitere urkomische neue Strophe zu „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ ausdachte.

Ich lächelte bei dem Gedanken. Gleichzeitig kamen mir die Fragen, die sich immer stellen, wenn Kinder und Eltern gerade nicht zusammen sind: Geht es ihm gut? Hat er Spaß? Vermisst er mich? Ich nahm mir vor, abends mit ihm weitere lustige Absurditäten für das Lied zu erfinden.

„Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“, schrieb der Schriftsteller und Komponist E.T.A. Hoffmann. Musik als Sprache des Herzens – klingt kitschig, stimmt aber. Hat nicht jeder von uns Lieblings- und Hasslieder? Songs, zu denen wir unbedingt tanzen müssen? Liebeskummer-Ohrwürmer, die uns melancholisch stimmen, obwohl die Gefühle längst vergangen sind? Manche Musik ist für immer mit bestimmten Momenten und bestimmten Menschen verbunden.

Für mich gehört nun auch ein inzwischen beachtliches Repertoire an Kinderliedern dazu. Jedes einzelne dieser Lieder verbindet mich mit meinem Kind. Selbst die Erinnerung an das Babyschwimmen ist im Rückblick eine wertvolle: Wie klein er damals war! Und wie unerfahren, aber stolz ich als Mutter.

Die Melodien und Texte von Kinderliedern nerven mich nicht mehr. Als Ohrwürmer machen sie die Zeit, bis wir uns wieder haben, kurzweiliger. Und sorgen, ganz nebenbei, manchmal für skurrile Situationen: Etwa wenn mir in einem wichtigen Businessgespräch plötzlich die Titelmelodie von „Käpt’n Sharky“ einfällt. Ohrwürmer können einem zeigen, was wirklich wichtig ist im Leben – im eigenen und dem des Kindes. Deshalb werde ich meinen Sohn auch heute Abend wieder fragen, ob er neue Lieder gelernt hat. Und sie so lange mit ihm singen, bis ich sie ganz sicher nicht mehr vergesse.

Diese Kolumne erschien auf sz-magazin.de